Breitreifen ohne Ende?

von Thomas Ihle   

Was gibt es beim Motorradreifen zu berücksichtigen, was ist wirklich wichtig, was ist nur Mode?

Zunächst einmal muss man überlegen, welchen Einfluss die Reifenbreite auf das Fahrverhalten des Motorrades nimmt.

1. Je breiter der Reifen, um so stärker muss das Motorrad bei gleicher Kurvenfahrt geneigt werden. Die Reifenaufstandsfläche verschiebt sich nämlich zur Kurveninnenseite, der Schwerpunkt des Motorrades bleibt aber gleich. Dadurch entsteht ein zusätzlicher Neigungswinkel. Dieser beträgt bei Hinterradreifen:
  4 Grad bei Reifenbreite 130 mm,
  5 Grad bei Reifenbreite 150 mm,
  6 Grad bei Reifenbreite 180 mm,
jeweils gerechnet bei einer Schräglage von 45 Grad (Grenzbereich von Serienmotorrädern, kurzfristig sind sogar 52 Grad möglich) und einer Schwerpunkthöhe von 62,3 cm. Also ein Motorradfahrer mit schmaleren Reifen ist bei gleiche Schräglage schneller unterwegs als ein Motorradfahrer mit Breitreifen.

2. Je breiter der Reifen, um so stärker wird das Lenkmoment, also die Haltekraft, die man am Lenker aufwenden muss, um den Kurvenradius weiter zu verfolgen. Verantwortlich dafür ist die Umfangsverringerung des Reifens in Zusammenwirken mit dem »gezogenen« Rad (Nachlauf). Siehe die Grafik oben.

3. Je breiter der Reifen, desto stärker richtet sich das Motorrad bei einer manchmal notwendigen Kurvenbremsung wieder auf - ein Effekt, den man gar nicht gebrauchen kann, da das Motorrad dann tangential aus der Kurve steuert.

4. Je breiter ein Reifen, um so »kippeliger« kann das Motorrad bei niedrigen Geschwindigkeiten werden. Eine unangenehme Erscheinung besonders im Stadtverkehr. Für eine kurvenreiche Strecke sind somit die modischen Breitreifen ungünstiger. Der Vorteil des Breitreifens liegt in der besseren Haftung beim Herausbeschleunigen aus der Kurve.


 
  Literatur:

 1  —  Bayer, Bernward: Kontaktsuche. Reifenhaftung auf der Fahrbahn. PS 2/1987. Seite 40 ... 44.
 2  Bayer, Bernward: Physik in Schräglage. Analyse der Kurvenfahrt. PS 5/1987. Seite 60 ... 63.
 3  Bönsch, H.W.: Einführung in die Motorradtechnik. Motorbuch Verlag Stuttgart. 3. Auflage 1981.
 4  Breuer, B.: Skriptum Vorlesung Motorräder. Fahrzeugtechnik TH Darmstadt. Fzd Darmstadt. 1985.
 5  Helling, Jürgen: Umdruck zur Vorlesung Krafträder. Institut für Kraftfahrwesen RWTH Aachen. 1985.
 6  Koch, Joachim: Experimentelle und analytische Untersuchungen des Motorrad-Fahrer-Systems. Dissertation. Berlin. 1978.
 7  Schmieder, Martin et al: Kraftschlusspotentiale moderner Motorradreifen. Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen. Fahrzeugtechnik. Heft F 9. Bergisch Gladbach 1994.
 8  8. Stoffregen, Jürgen: Motorradtechnik. Vieweg Verlag. Braunschweig/Wiesbaden. 4. Auflage 2001.


 
  Über den Autor

 
  Thomas Ihle  

Thomas Ihle

seit 1985 Fahrlehrer,
davor Polizeibeamter
(u.a. Unfallermittler in Stuttgart),
 
lebt und arbeitet in Krefeld.
Spezialgebiet: Motorradphysik

   
    E-Mail    Homepage:  www.thomas-ihle.de 
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